Schwerpunktserie medizinische Daten

Interviewserie

 

Armin Gerger ist Onkologe an der Klinischen Abteilung für Onkologie an der Medizinischen Universität Graz. Er leitet die Arbeitsgruppe Klinische Anwendungen der Österreichischen Plattform für Personalisierte Medizin.

 

Sie sind als Onkologe täglich in Kontakt mit PatientInnen. Welche medizinischen Daten spielen die wichtigste Rolle in Ihrem klinischen Alltag?
Medizinische Entscheidungen werden basierend auf einer Vielzahl medizinischer Daten getroffen. Diese umfassen in meiner klinischen Routine vor allem klinische Parameter, Laborresultate und radiologische Bilder und Befunde (z.B. Röntgen, CT und MR). Eine zunehmende Rolle spielen auch molekulare Daten, die aus Gewebe und/ oder Blutproben gewonnen werden und eine personalisierte Tumortherapie ermöglichen.

Wie hat sich durch die digitale Datenspeicherung die medizinische Versorgung verändert? Sind behandelnde ÄrztInnen nun besser vernetzt?
Medizinische Versorgung, auch im onkologischen Bereich, findet zunehmend interdisziplinär statt. Ein rascher und komplikationsloser Informationsfluss zwischen Gesundheitsdienste- Anbietern (Spitäler, Ordinationen, Pflegeeinrichtungen, Apotheken usw.) ist für eine nahtlose Zusammenarbeit in der Betreuung von PatientInnen unabdingbar. Elektronische Gesundheitsakten verbessern und vereinfachen hier deutlich die Vernetzung und tragen auch dazu bei, die medizinische Vorgeschichte rasch zu erfassen und auch unnötige Mehrfachuntersuchungen zu vermeiden.

Inwieweit sind PatientInnen selbst dafür verantwortlich, ihre medizinischen Daten zusammenzuführen und ist es überhaupt möglich, als PatientIn den Überblick darüber zu behalten?
Die Verwaltung von Gesundheitsdaten darf nicht zu einer administrativen Belastung von PatientInnen führen. Liegen Gesundheitsdaten nicht in digitaler Form vor bzw. können diese nicht digital eingesehen oder sicher transferiert werden, müssen ärztliche und pflegerische Befunde von PatientInnen selbst verwaltet und zu Gesundheitsanbietern mitgebracht werden. Im akuten Krankheitsfall sollten Gesundheitsdaten rasch zu Verfügung stehen, sie können jedoch bei chronischen Erkrankungen hunderte bis tausende Dokumente umfassen. Durch elektronische Gesundheitsakten können die relevanten Daten in einem aktuellen Behandlungsverhältnis rasch zeit- und ortsunabhängig abgerufen werden.  

Sie leiten die ÖPPM-Arbeitsgruppe “Klinische Anwendungen” und sind in der Biomarkerforschung aktiv. Welche Art von medizinischen Daten ist am wertvollsten für Ihre Forschung? Können die weltweiten Forschungsergebnisse und Daten zusammengeführt werden?
Krebs ist eine komplexe und dynamische Erkrankung. Derzeit werden medikamentöse Tumortherapien vorwiegend basierend auf der feingeweblichen Untersuchung des Primärtumors geplant. Dazu ist jedoch eine Probenentnahme aus Gewebe notwendig. Die Biologie eines bösartigen Tumors kann sich zwischen Primärtumor und Metastasen jedoch unterscheiden und bösartige Tumore können sich darüber hinaus im Verlauf der Erkrankung verändern. Deshalb spiegelt die feingewebliche Untersuchung möglicherweise nicht immer die Komplexität der Erkrankung wider. Für die meisten bösartigen Tumore stehen derzeit nur eine bestimmte Anzahl an Therapien mit nachgewiesener Wirksamkeit zu Verfügung. Da wiederholte Probenentnahmen aus Gewebe im Verlauf der Krebserkrankung für PatientInnen belastend sind, können medikamentöse Tumortherapien derzeit oft nicht die aktuelle Biologie des Tumors im Verlauf der Krebserkrankung berücksichtigen. Seit Kurzem besteht die Möglichkeit, im Blut zirkulierende Tumoranteile zu identifizieren und daraus das gesamte Erbgut des Tumors zu entschlüsseln. Da diese Tumoranteile nicht nur vom Tumor des Ursprungorgans, sondern auch von sämtlichen Metastasen in die Blutbahn abgegeben werden, kann somit die Komplexität der Krebserkrankung besser erfasst werden. Daraus gewonnene Informationen, können zur Identifizierung von molekularen Signalwegen des Tumors und deren gezielten medikamentösen Hemmung genutzt werden. Die Interpretation und sinnvolle klinische Anwendung molekularer Daten ist komplex. Es gibt zunehmend nationale und internationale Bestrebungen und Projekte diese Daten zusammenzuführen, Wissen zu generieren und damit schlussendlich die Therapie individueller PatientInnen zu optimieren.

Wie funktioniert die Umsetzung von Erkenntnissen aus der Forschung in die Praxis?
In der Onkologie wird zunehmend das „bench to bedside to bench“ Prinzip verfolgt. Das bedeutet, relevante Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung werden klinisch evaluiert und finden bei belegtem Nutzen für PatientInnen Einzug in unsere klinische Routine. Onkologische Therapien zielen heute zunehmend auf molekulare Veränderungen von Krebserkrankungen ab. Dazu werden komplexe molekulare Profile von Tumoren generiert. So fließen Erkenntnisse aus der klinischen Forschung wieder in die Grundlagenforschung ein. Ziel dieser Forschungsstrategie ist es, onkologische Medikamente zu entwickeln, die mit hoher Wahrscheinlichkeit einen großen Nutzen für individuelle PatientInnen bringen, bei gleichzeitig keinen oder nur geringen Nebenwirkungen. Die Biomarkerforschung ist hier ein rasch wachsendes und dynamisches Feld und zunehmend können Biomarker in unsere tägliche klinische Routine implementiert werden.

Müssen die Daten der PatientInnen in klinischen Studien besonders geschützt werden?
Medizinische Daten sind besonders sensible Daten und bedürfen generell eines besonderen Schutzes. Klinische Studien sind eine wichtige Grundlage des medizinischen Fortschrittes und dienen der Verbesserung klinischer Entscheidungen. Um Medikamentenstudien durchführen zu können, sind die Zustimmung der Ethik-Kommission und der Arzneimittelbehörde erforderlich. Für Datenverarbeitung in klinischen Studien sind die geltenden datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen strikt einzuhalten. 

Soll medizinische Forschung auf elektronische Patientenakte zugreifen dürfen? Medizinische Forschung muss die Richtlinien für wissenschaftliche Integrität (good scientific practice) und sämtliche datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen einhalten. Durch zunehmende Digitalisierung von Gesundheitsdaten steigt auch die Wahrscheinlichkeit aus bisher wissenschaftlich großteils „ungenutzten“ Daten, konkreten Nutzen für PatientInnen und Gesundheitssysteme zu generieren. Sogenannte „Big Data“ Analysen können potentiell personalisierte Therapien, die Detektion von seltenen Nebenwirkungen oder eine rasche Bewertung des Nutzens neuer Behandlungsmethoden ermöglichen. Zwingend ist eine Datenschutz-Folgeabschätzung durchzuführen, um die Risiken und Auswirkungen der durchzuführenden Datenverarbeitung zu evaluieren.

Welche Herausforderungen in Sachen medizinischer Daten sehen Sie heute und in Zukunft?
Herausforderungen und Potentiale digitaler medizinischer Gesundheitsdaten sind vielfältig. Wichtig und notwendig sind vor allem die Auseinandersetzung mit rechtlichen und ethischen Aspekten zur Datenspeicherung, Datenverarbeitung und klinischer und wissenschaftlicher Nutzung. Dies umfasst nicht nur gesundheitsbezogene Personendaten, sondern auch biologisches Material und genetische Daten. Elektronische Gesundheitsakten verbessern Behandlungsprozesse und die PatientInnensicherheit, müssen jedoch heute und auch in Zukunft die technologischen Sicherheitsanforderungen erfüllen. Die Vernetzung von Gesundheitsdaten und „Big Data“ Analysen zeigen großes Potential zur Optimierung von Behandlungen, stehen jedoch im Spannungsverhältnis zum Verhältnismässigkeitsgrundsatz im Datenschutzrecht.

Irene Promussas ist Pharmazeutin, promovierte Naturwissenschafterin und Fachjournal – Redakteurin. Sie ist Mutter zweier Kinder, eines davon mit seltener chronischer Stoffwechselerkrankung, und dreier Bonuskinder. Als Gründerin und Vorsitzende der SHG Lobby4kids – Kinderlobby setzt sie sich vor allem für die Anliegen und Rechten von Kindern mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen ein.

 

Welche Rolle spielen medizinische Daten für PatientInnen mit häufigen Behandlungen, z.B. chronisch Kranke?
Anhand von Daten werden Krankheitsverläufe sichtbar und können nachvollzogen werden. Gerade für Menschen mit chronischen Erkrankungen spielen medizinische Daten eine große Rolle. Nachdem chronische Erkrankungen auch unterschiedliche Verläufe haben können, kann somit auf den Individualfall eingegangen und ärztliche Entscheidungen sowie Therapiestrategien danach ausgerichtet werden.
 

Welche Vorteile und Nachteile bringen Digitalisierung und elektronische Gesundheitsakte diesen PatientInnen?
Dank digitaler medizinischer Daten sind Diagnose, Verlauf und Therapie dokumentiert und für ärztliche EntscheidungsträgerInnen einsehbar. Unverträglichkeiten von Arzneimittel oder die Notwendigkeit, PatientInnen neu einzustellen sind leichter anzugehen, wenn die Übersicht über eingenommene Medikamente gegeben ist. Eventuell kann die Verlaufskontrolle auch für künftige Generationen (z. B. bei vererbbaren Erkrankungen) nützlich sein. Auch für den Notfall kann Digitalisierung hilfreich sein, allerdings bleibt die Frage, wie schnell im Notfall auf eine E-Card geschaut werden kann. Ein Notfallarmband im Fall der Ersten Hilfe scheint sie noch nicht ersetzen zu können.

Die Angst vor dem so genannten gläsernen Menschen ist jedoch nicht unberechtigt. Obwohl immer wieder darauf hingewiesen wird, dass Daten nicht weitergegeben oder z. B. an private Versicherungsträger weitergeleitet werden, muss klar sein, dass so etwas jederzeit möglich ist. Auch in Österreich hatten wir schon eine „Gesundheitsministerin“, die mit dem Gedanken spielte – zwar dachte sie nur an die Weitergabe zu Forschungszwecken, aber auch so etwas darf niemals ohne ethische Richtlinie oder das Einverständnis der Betroffenen machbar sein. 

Die Digitalisierung hat auch noch den Schwachpunkt, dass wir nicht wissen, wie heutige Daten in etwa 30 Jahren gelesen werden können. Besonders für sensible genetische Daten kann das ein großes Problem werden. Hier befinden wir uns noch in einem Lernprozess.
 

(Wie) werden PatientInnen in die Aufzeichnung und Verwaltung ihrer medizinischen Daten einbezogen und ist es überhaupt möglich, als PatientIn den Überblick darüber zu behalten?
Prinzipiell müssen PatientInnen darüber aufgeklärt werden, wie ihre Daten gespeichert und verwertet werden. In der österreichischen elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) sind PatientInnen automatisch registriert, durch einen Widerruf (Opt-out) kann der Teilnahme und Datenspeicherung widersprochen werden. Besonders für die ältere Generation, die nicht mit der Digitalisierung aufgewachsen ist, kann diese Art der Verwaltung ihrer Daten eine große Herausforderung sein. Den Überblick zu behalten, ist nicht immer leicht, aber das ist es mit Papierakten auch nicht immer. Zumindest hat man da aber eine haptische Übersicht über Verläufe und Medikamente, vorausgesetzt, man hat chronologisch gesammelt.
 

Was bedeutet Patient Empowerment und wieso ist es wichtig?
Patient Empowerment bedeutet Selbstermächtigung von PatientInnen bezüglich ihrer Erkrankungen. Das kann von ärztlicher Seite aus passieren oder durch eigene Kraft. Meist geschieht das aber durch eine entsprechende Selbsthilfegruppe, die wertvolle Informationen bezüglich der Erkrankung selbst, Therapien, TherapeutInnen, ÄrztInnen, Rehabilitationen, Hilfsmitteln etc. direkt von Betroffenenseite aus sammelt und zur Verfügung stellt. Darüber hinaus bieten vor allem Selbsthilfegruppen mit gewissen Standards die Möglichkeit, sich auszutauschen, Stärkung durch Gemeinschaft mit Gleichgesinnten und Gleichbetroffenen zu bekommen und so dem Gefühl von Ohnmacht und Einsamkeit entgegenzuwirken. Viele einschlägige Selbsthilfegruppen arbeiten außerdem sehr gut mit FachärztInnen und Zentren zusammen, sind manchmal sogar an diese angebunden, ohne ihre Autonomie zu verlieren. Aber auch einfache Plattformen, die nur zum Austausch da sind, haben ihre Daseinsberechtigung – manchmal tut es einfach gut, sich nur aussprechen zu können.
 

Was bestärkt PatientInnen, welche Maßnahmen oder Initiativen gibt es?
PatientInnen werden vor allem durch die Gemeinschaft und daraus erwachsende Hilfestellung von gleich betroffenen Menschen bestärkt, meist in Form einer Selbsthilfegruppe, Plattform oder Initiative. Solche Gemeinschaften sind nicht nur identitätsstiftend, sondern auch sinnvoll, da sie betroffenen Menschen die Kraft und das Gefühl geben, HerrscherIn über das eigene Leben trotz einer chronischen Erkrankung sein zu können und zugleich den Rücken von Gleichgesinnten gestärkt zu bekommen. Zwar ist es zunächst fachliche Zusammenarbeit mit Professionellen, die stärkt, im Endeffekt bekommen betroffene Menschen aber ein Rüstzeug für ihren oft schweren Alltag von solchen Initiativen mit. Medizinisch-therapeutisches Wissen ist wichtig und wertvoll, aber wie ich mit einer chronischen Erkrankung meinen Alltag meistere, welche (alternativen?) Therapien möglich sind, wo ich (finanzielle) Unterstützung bekomme, wer heute ein Ohr für mich hat – das alles bieten Selbsthilfegruppen kraft ihrer enormen Erfahrungsschätze. Nicht vergessen werden dürfen auch übergeordnete Initiativen und Veranstaltungen, die das Leben mit einer chronischen Erkrankung sichtbar machen, wie zum Beispiel die Feier des Tages der Seltenen Erkrankungen, der Tag der Epilepsie, der Welt-Down Syndrom Tag und viele mehr.  Zu zeigen, dass die eigenen Existenz wert ist, gefeiert und hervorgehoben zu werden, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung.
 

Welche Auswirkungen hat Patient Empowerment?
Patient Empowerment bewirkt, dass sich PatientInnen mit ihren Erkrankung auskennen, sie akzeptieren als Teil ihres Lebens und selbstbestimmt damit umgehen können. Man spricht dann von mündigen PatientInnen, die auch bereit sind, sich eine zweite Meinung einzuholen, Entscheidungen auch gegen Empfehlungen zu treffen, wenn sie mit dem eigenen Lebensplan nicht übereinstimmen. Die Kehrseite davon kann auch eine mangelnde Compliance sein, also ein Abweichen von der Behandlung, was besonders bei hochpreisigen Therapien oft ein großes Problem ist. Auch die ungefilterte Informationsflut aus dem Internet ist eher ein Hindernis als eine Hilfe. Gewisse Standards sind für Selbsthilfegruppen eigentlich ein Muss, wenn sie auch in therapeutischen Entscheidungen Gewicht haben wollen.
 

Welche Rolle spielen neue Technologien und digitale Daten im Patient Empowerment?
Alle die genannten Faktoren können durch Digitalisierung natürlich erleichtert werden, sofern sie nicht missbraucht werden. Vor allem für Menschen höheren Alters oder gewisser Einschränkungen müssen daneben aber auch analoge Formen bestehen bleiben.  Beispiele sind das während der Coronapandemie aus dem Boden gestampfte E-Rezept, oder der in Kürze konfigurierte E-Impfpass. PatientInnen müssen nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit oder neuer Verschreibungen ein ärztliches Wartezimmer aufsuchen. Das hat aber auch Nachteile, die besonders oft in der Apotheke ersichtlich sind: PatientInnen mit Bluthochdruck z. B., die regelmäßig ärztlich überwacht werden müssen , lassen sich vielleicht eine Spur zu selten physisch blicken, weil sie meinen, ohnehin immer dieselben Medikamente verschrieben zu bekommen. Der face-to-face Kontakt mit der behandelnden Ärztin ist keinesfalls auf Dauer durch elektronische Handlungen ersetzbar. Es braucht also beides: Die Erleichterung durch Automatisierung und elektronische Verarbeitung, sowie den physischen Kontakt. Das gilt im Besonderen auch für Teletherapie, die eine gute Möglichkeit während der Pandemie oder für Menschen mit psychischen Erkrankungen sein kann, aber auf Dauer bestimmt nicht den direkten physischen Kontakt ersetzen kann – höchstens ergänzen.
 

Welche Herausforderungen bezüglich medizinischer Daten sehen Sie auf PatientInnen zukommen?
Auf uns zukommende Herausforderungen sind vielfältig und betreffen verschiedene Aspekte: PatientInnen müssen vor allem einen einfachen Zugang zu ihren Daten haben, also auch mit den notwendigen Technologien und Wissen, diese zu bedienen ausgestattet sein. Im Notfall sollten Daten schnell verfügbar sein, sensible Daten müssen aber gleichzeitig vor missbräuchlicher Verwendung besonders geschützt werden. Um den Überblick über persönliche Daten, deren Anwendung und Verwendung zu behalten, ist es notwendig, dass PatientInnen Gesundheitsakte und medizinische Daten interpretieren können. Wie in allen Bereichen des Lebens müssen wir heute vor allem in der Lage sein, die für uns wichtigen Informationen effektiv filtern und nutzbringend einsetzen zu können.